Von wegen künstliche Intelligenz! Billige Intelligenz vielleicht.
Ich sah mir das gerade angekommene Buch an, und es gefiel mir gar nicht, was die Software da angerichtet hatte.
Ich bin offiziell selbstständiger Verleger, tatsächlich aber mit Haut und Haaren von einen Online-Händler abhängig, der „meine“ Bücher verkauft, und der mir sagt, welche Bücher ich verlegen soll. Oder eher wie viele verschiedene Titel, nämlich mindestens hundert Bücher pro Monat. Dabei spiele ich für die Verkaufsplattform natürlich nur einen winzigen Nebenschauplatz, aber Gewinn werfe ich doch ab. Hundert Bücher im Monat kann natürlich kein Mensch schreiben oder verlegen. Ich verkaufe alte Bücher, deren Urheberschutz abgelaufen ist. Von Klassikern bis zu ganz obskuren Werken ist alles dabei, das nicht mehr von Verlagen gedruckt wird, für das sich aber noch jemand interessieren könnte, Sammler oder Liebhaber. Ich bekommen Listen mit den Suchanfragen von Kunden beim Online-Händler, die nicht bedient werden konnten, und versuche, die alten Hardcopys, also richtige Bücher antiquarisch zu bekommen, früher oft in Gebrauchtwarenläden und auf Flohmärkten, heute meistens im Internet.
Die Bücher werden von einem speziellen Scanner automatisch eingelesen, Blatt für Blatt. Was bedeutet, dass den Büchern der Rücken abgetrennt wird und sie danach keine Bücher mehr sind, sondern nur noch ein Stapel bedrucktes Papier, der in den automatischen Einzug des Scanners gegeben werden kann. Die Seiten werden als Bilder gescannt und dann von einer Software in einzelne Zeilen und Buchstaben verwandelt und wieder als Text zusammengesetzt. Ganz früher wurden einfach die digitalisierten Bilder zur Buchvorlage verwendet, das war sehr unbefriedigend für eBooks.
Dabei gibt es jede Menge Schwierigkeiten, mit denen das Programm zurechtkommen muss: Verschiedene Schriftarten, Sonderzeichen wie griechische Buchstaben, nicht vollständig gedruckte Lettern, Fußnoten, die über mehrere Seiten gehen, Abbildungen, Flecken und Beschädigungen der Seiten und und und. Von Druckfehlern und anderen Fehlern bei der Übertragung ganz zu schweigen, den meist arbeite ich mit alten Taschenbuchausgaben, die Nachdrucke der Originalausgaben waren. Die gebundenen Originale sind viel zu selten und teuer. Ganz schlimm sind auch beschädigte Lettern, die als falsche Zeichen erkannt werden, ein A als 4 oder r statt t zum Beispiel oder fehlende Leerzeichen.
Die künstliche Intelligenz versucht nun, alle möglichen Fehler zu finden und zu korrigieren. Ein Lektor mit natürlicher Intelligenz wäre viel zu teuer und viel zu langsam. Ich muss das wissen, schließlich war das mein alter Beruf. Außerdem müsste hier noch ein Schriftsetzer und Buchgestalter Hand anlegen. Stattdessen läuft ein Programm mehrmals über den Text und verbessert.
Abbildungen sind werden meistens nicht gut genug aufgelöst. Das Programm entscheidet dann meistens, die Abbildungen ganz wegzulassen. Bei illustrierten Romanen ist das eigentlich kein Verlust. Manchmal gibt es allerdings Bildunterschriften, die das Programm nicht findet, und so findet sich dann ein kurzer Absatz im Nachwort, der etwa lautet: „Der Autor bereiste 1873 Italien, hier in Neapel“ und der keinen Bezug zum Text vorher und nachher hat.
Einem menschlichen Leser, der halbwegs bei Verstand ist, fällt so etwas natürlich auf. Ich habe aber gar nicht die Zeit, mir „meine“ Bücher am Bildschirm mehr als flüchtig anzusehen, bevor sie in den Verkauf gehen. Ich muss mich darauf verlassen, was die Software macht – von den Fehlern erfahre ich erst, wenn ich die Bewertungen der Käufer lese. Eigentlich will ich nur die Verkaufsränge überprüfen, aber dann lese ich doch die Bewertungen.
Meine Neuauflagen meisten als eBooks verkauft. Seit dem letzten Jahr können sie auch gedruckt gekauft werden, dann werden sie einzeln nach Bestellung gedruckt und gebunden, Print-on-Demand-Verfahren nennt man das. Jetzt habe ich zum ersten Mal ein Buch für mich selbst bestellt. Eine expressionistische Erzählung, über hundertzwanzig Jahre alt. Sehr merkwürdig, so einen Text als neues Buch in der Hand zu halten, wie immer ohne Bild auf dem Einband, nur der Titel und der Name des Autors. Das Druckpapier ist neu und zu weiß.
Leider hatte ich seinerzeit nur einen schlechten Nachdruck aus den fünfziger Jahren gefunden, auf grobes Papier gedruckt, mit einem schlechten Schriftbild. Den alten Blätterstapel, das zerschnittene originale Buch habe ich aufgehoben, und jetzt muss ich oft die Stellen nachschlagen, die mir im neuen Buch unsinnig erscheinen.
Das Programm hat sich oft verlesen, als es den Scan übersetzt hat, meistens vermutlich falsche Buchstaben erkannt. Anschließend versuchte die Künstliche Intelligenz die Fehler zu finden und zu verbessern. Die absichtlichen antilogischen und surrealen Sprachbilder des Originaltextes hat die KI nicht verstanden, den Subtext dahinter kann sie nicht erfassen. Stattdessen sind jetzt einige Sätze in Banalitäten und Unsinn verwandelt. Unter die alte Kunstsprache sind moderne Ausdrücke gemischt, so dass technische Ausdrücke auftauchen, unfreiwillige Anachronismen. Einmal wurde aus einem Recitierer (sic!) ein Receiver, aus dem Großinquisitor ein Großakquisitor. Der Weg des Helden läuft so ständig über unfreiwillig komisch Hürden oder in unsinnige Sackgassen und geht doch unbeirrt weiter.
Ein nagelneues Buch, der Text selbst aber ist tot, eine Art Textkörper-Zombie.